Wenn man vom Kilimanjaro erzaehlt, kann man eigentlich fast nur ueber den Tag der Besteigung reden. Es war der Tag 4 unseres Aufstiegs, nur 90 Stunden nach dem ersten Schritt fanden wir uns 4.000 Meter weiter oben und am hoechsten Punkt Afrikas.
Der Aufstieg begann ruhig und unspektakulaer. Nach den ueppig gruenen Flanken des Mt. Meru gab es am Fusse des Kilimanjaro zunaechst ein wenig Wald und kurz nach der ersten Rast nur noch Gestruepp. Eine orange-braune Mondlandschaft war es, in der wir die meisten unserer Tage auf dem Mt. Kilimanjaro verbrachten. Aufgebrochen waren wir in grosser Gesellschaft: neben dem Bergfuehrer kamen ein Koch und gleich sechs Traeger mit uns hinauf. Die grosse Traegerschar lag weniger an Jovankas abwechslungsreicher Garderobe als an dem ganzen Essen, den Zelten und was wir sonst noch alles in der Woche am Berg benoetigen wuerden.
Jovanka und Johannes hatten sich fuer einen vergleichsweise gemuetlichen Aufstieg in sieben Tagen ueber die Rongai-Route entschieden. Manch eiliger Tourist rennt dieselbe Strecke in fuenf Tagen auf und ab. Geschichten von abgebrochenen Aufstiegen und erbrochenem Essen liessen uns jedoch einen Gang runter schalten. Fast einen Gang zu weit, denn im nachhinein haetten es sechs Tage als passende Laenge auch getan. So hatten wir neben einem vergleichweise gemuetlichen Abstieg auch einen Ruhetag zur Akklimatisierung auf dem Weg nach oben.
Obwohl wir im Vergleich zum Meru nur kuerzere Strecken liefen, vergingen die ersten drei Tage unseres Marsches wie im Flug. Morgens ging's mit dem Sonnenausgang in den Busch, nach kurzer Katzenwaesche und grosszuegigem Fruehstueck dann zwei, drei Stunden mit leichtem Gepaeck mehr oder weniger steil hinauf. In der ersten Nacht schliefen wir schon auf 2.500 Metern, dann zwei Naechte auf 3.800 und schliesslich noch sowas wie eine halbe Nacht auf 4.500 Metern. Zur Bergspitze fehlen nach Adam Riese also noch gut 1.200 Meter - und die kommen jetzt.
Zur Geisterstunde geht's fuer die meisten los. Nicht fuer uns, denn wir gelten als fit und manch eine in der Expedition Jo-Quadrat hat den Schlafsack viel zu gern, um schon um Mitternacht aus ihm heraus zu schluepfen. Also machen wir eins, naja halb zwei - ok. Noch bevor wir mit halboffenen Augen einen Schritt Richtung Berg machen koennen, schimpft unser Harte.schale.weicher.kern-Bergfuehrer Julius mit uns. Unsere Hosen seien eine Frechheit, damit komme man nie nach oben, hoechstens auf Eiszapfen. Schon im Zelt konnten wir unseren Atem sehen, draussen ist es noch kaelter und wir glauben ihm gern. Zwei der zuruckbleibenden Traeger geben uns ihre Skihosen und los geht's. Erste Station: Gilman's Point (5.681m).
Nach zehn Minuten warm laufen stehen wir vor einer 1.000 Meter hohen und wahrscheinlich nicht viel laengeren Kieswand. Von unten koennen wir schon die zahlreichen Lichter der Vorausgeeilten sehen. Obwohl wir uns sonst sehr ueber Gluehwuermchen freuen, sind wir beide im Moment nicht sonderlich gut gelaunt und Jovanka bittet Johannes (zum zweiten Mal), sie in Zukunft von solchen Ideen abzubringen. Aber was rauf muss, muss rauf und so gehen die beiden Kadetten mit ihrer Bergziege von Fuehrer langsam nach oben. Ein Schritt vor, Kies, krrrrtscht - ein halber Schritt zurueck; ein Schritt vor, Kies, krrrrtscht usw. Insgesamt brauchen wir knapp 4.5 Stunden um diese Wand hinter uns zu lassen. Neben dem Boden macht der aufkommende Wind uns sehr zu schaffen. Stehen bleiben geht nicht mehr bei gefuehlten minus 20 Grad und ohne jeden Windschatten. Die uebrigen Bergsteigerleins machen den Aufstieg auch nicht heiterer: Bald sind wir auf langsamere Gruppen aufgelaufen, wir sehen erste Abbrecher, manche frieren und machen die wildesten Verrenkungen um warm zu werden, jemand erbricht sich, eine weint. Als Julius uns stolz zur Halbzeit gratuliert, verlieren Jovanka und Johannes fast ganz den Mut. Das soll erst die Haelfte gewesen sein? Aber Julius kennt nur Schmerz, allein wegen der Motivation laesst er hier niemanden runter, sagt er. Solange wir noch so fit drein schauen, sieht er ueberhaupt keinen Grund abzusteigen. Das schaffen wir. Und tatsaechlich:
Kurz vor Morgengrauen (das Foto ist vom Abstieg) sind wir am Gilman's Point. So froh, man kann es nicht beschreiben. Das war das Haerteste und doch etwas vom Besten, was uns je passiert ist. Fuer beide war's ein staendiger Kampf: Kopf ("Der Schlafsack waer ja so schoen warm ...") gegen Kopf ("Aber du bist doch fit.") gegen Beine ("Aber uns ist kaaaaaalt!") - und Julius eben.
Vom Gilman's Point ging es dann relativ flach weiter. Allerdings setzte der Wind nun richtig ein und wie es der Teufel so will, ziehen Wolken auf. Auf einem Grat geht es bei Nebel und Eiseskaelte weiter. Die ersten Erfolgreichen kommen einem entgegen und sprechen einem Mut zu. "Nur noch 15 Minuten" sagen sie und schauen drein, als wuessten sie nicht, ob das fuer uns nun eine Freuden- oder eine Hiobsbotschaft ist. Johannes wird die letzten Meter wegen der Hoehe immer langsamer. Am Schluss kommt er, obwohl er sich fit fuehlt, mit ungefaehr einem Meter in der Minute voran. Aber oben ist oben und wir sind oben: 7:16 Uhr Ortszeit, ha!
Hinunter geht's dann schnell. Trotz Wind und Wetter, aber vor allem wegen der steilen Kieswand, die man nun kerzengrad hinunter jagen kann, sind wir gerade mal zwei Stunden nach dem Gipfel wieder im Zelt. Dank des relativ laxen Abstiegs koennen wir uns bis in den fruehen Nachmittag ausschlafen und tun das auch tief und fest. Der Weg hinab fuehrt uns ueber die Marangu-Route. Es ist die beliebteste Touristenroute, die sog. Coca Cola-Route, auf den Kilimanjaro. Die Wege sind lang, aber unglaublich flach. Bald geht es in den Wald hinein und man fuehlt sich ob der gut gepflegten Wege wie in einem regelrechten Park. Die Raststationen haben fliessend Wasser und sogar kleine Lodges. Aber selbst die feinste Lodge hat keinen solchen Fruehstueckstisch:
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