Freitag, 8. August 2008

Auf und ab, links und rechts


Diu: Das neue Goa. Eine ehemalige portugiesische Kolonie mit Palmen, Strand, fliessendem Alkoholausschank und ohne das stampfende Technogerumpel. Dafuer gibt es in Diu den Monsun. Und was fuer einen! Von Udaipur mit dem Nachtbus (zu Kojen umfunktionierte, bessere Gepaeckablagen) mitten rein in den Bundesstaat Gujarat. Gujarat bildet das westliche Ohr des indischen Subkontinents, und ein grossses Stueck des Bundesstaats ragt in Form einer Halbinsel in den indischen Ozean hinein. Der Nachtus brachte uns in die schwuele Mitte Gujarats. Von dort hangelten wir uns dann per oeffentlichem Bus ans Ohrlaeppchen Indiens hinunter.

Je naeher wir der kleinen Insel kamen, desto weniger Sonnenstrahlen fielen durch die Busfenster. Nach (ueberraschend kurzen) fuenf Stunden Fahrtzeit ueberquerten wir die Bucht von Diu - bei starkem Wind und Nieselregen. Nach kurzer Umfrage unter herumstehenden Einwohnern mussten wir leider feststellen, dass das indische Verstaendnis von gutem Wetter sich nicht 100 prozentig mit unserem deckt. Auch sie moegen es warm und nicht zu heiss, ob denn da nun Sonnenstrahlen oder Regentropfen vom Himmel kommen, ist ihnen jedoch einerlei. Wir hatten uns beide wohl zu sehr auf die Woche Strandleben gefreut und die Zusicherungen guten Wetters nicht weiter hinterfragt. Einmal auf Diu angekommen, war uns jedoch schnell klar, dass wir auf dieser Insel nicht sonderlich lange bleiben wollen. Aber wohin? So ein Ohrlaeppchen ist relativ weit weg von allen anderen sehenswerten Teilen des Gesichts.


Wir entschieden uns, Varanasi vorzuziehen und einen kurzen Abstecher in den Norden Indiens zusaetzlich ins Programm zu nehmen. Also auf ging's, mit einem vom Monsun (auch innen) gut gewaschenen, oeffentlichen Bus in schlappen 10 Stunden direkt nach Ahmedabad, die Hauptstadt Gujarats. Die drei Stunden Wartezeit am dortigen Bahnhof waren atemberaubend. So einen Smog hat die Welt noch nicht gesehen! Aber um neun Uhr abends kam dann schon der Nachtzug nach Varanasi. Geuebte Zugfahrer wie wir sind, fanden wir frueh in unsere Liegen und spendeten sogar einer australischen Reisenden Trost. Ihr sei ein bisschen mulmig vor der langen Reise, meinte sie. Keine Angst, beruhigten die erfahrenen Traveler Ruoss und Fritz, in indischen Zuegen schlaeft man gut. Ja schon, meinte die Australierin, aber 36 Stunden in so einem Zug ... 36 Stunden?! Die entspannt daliegenden Reisenden sitzen nun senkrecht auf ihren Betten. Wie 36 Stunden? Nach Varanasi? Das sind doch nur 12! Aber, aber ... Hoppla, falscher Zugplan. Die Australierein hat recht und die Reisenden lange Gesichter. Nach erstem Schock ueber die nun insgesamt 50 stuendige Abreise von Diu wurden die erfahrenen Reisenden ihrerseits von einem noch erfahreneren Inder beruhigt. Ein zufaellig im selben Abteil naechtigender Ingenieur der indischen Bahn stand geduldig Rede und Antwort, insbesondere in Verpflegungsfragen. Obwohl anfaenglich ein Greuel, stellte sich die lange Zugfahrt im Nachhinein als willkommene Ruhepause heraus. Dank einem angenehmen Abteilnachbarn konnten wir den ganzen Tag ausruhen und kamen so recht entspannt in Varanasi an.

Der Weg zum Hotel zeigte uns schon, warum Varanasi im Reisefuehrer als indischste aller Staedte bezeichnet wird. Nach einer kurzen, lauten Rikschafahrt fuehrte uns der Fahrer durch ein wuselndes Gewirr enger Altstadtgassen, in dem den Reisenden auch Tage spaeter noch jede Orientierung fehlte. Und wie man die Spuren des Monsuns in ganz Indien mindestens sieht, starren sie einen in Varanasi regelrecht an. Die ueppigen Regenfaelle im Norden des Landes haben das Gangesufer in die Stadt hinein gehoben. Die beliebte Uferpromenade, von der aus tausende Hindus ihr religioeses Bad nehmen, liegt nun Meter unter der Wasseroberflaeche. Will man von einem Steg zum anderen kommen, muss man nun wohl oder uebel durch die verschachtelte Altstadt, vorbei an zahllosen Bazarstaenden mit ihren eifrigen Geschaeftsleuten (vgl. "Hello, my freeeeeeend").
In den drei Tagen packte Indien noch einmal ordentlich zu. Die Stadt ist eine der "Top Ten"-Pilgerorte der Hindus, wie uns ein netter Museumsmitarbeiter erklaerte. Dabei muss ein heiliger Fluss nicht unbedingt so klar wie Weihwasser sein. Die Stadt, die Wirtschaft und der Mensch gaben dem Ganges eher die Farbe eines Schwarztees mit ordentlich Milch drin (indisch: "Chai-Tea"). Nicht nur waescht sich der gute Hindu mit den heiligen Wassern des Ganges. Auch die Beisetzung soll entweder in Flammen am Ufer des Flusses oder im Falle besonderer Reinheit als Ganzes im Fluss erfolgen. Die festliche Verbrennung der Dahingeschiedenen wird zentral an einem der Stege gefeiert. Der Zufall setzte unser Hotel sehr nah an diesen Steg, sodass unsere ersten Meter in Varanasi uns direkt dorthin fuehrten - noch vor dem Fruehstueck.

Fuers erste bedient, fuhren wir per Fahrradrikscha ans andere Ende der gefluteten Uferpromenade und genossen bei Kaffee, Tee und Mittagessen Varanasi aus der Ferne. Neben einem Besuch des ersten Predigtortes des Buddha wurden wir in der Gangesstadt noch Zeuge eines ganz besonderen Spektakels. Wie gesagt mag der Inder seine Sonne gerne mal verdeckt. Religioes von ueberdurchschnittlicher Bedeutung ist jedoch, wenn die Sonne nicht von Wolken sondern zumindest teilweise vom Mond versteckt wird. So geschehen am 1. August und Grund genug fuer Tausende, sich kurz vor Sonnenuntergang im angeschwollenen Ganges zu baden. Vom Strom der Pilgernden fast mit in den Fluss geschwemmt, konnten Jovanka und ich gerade noch entkommen und dieses Bad in der Menge in Ruhe von einem Cafe aus bestaunenen (s. Video unten).
Beeindruckt und in froher Erwartung ging es dann ueber Delhi in den bergigen Norden des Landes. Fuer die letzten Tage in Indien hatten wir uns einen Ort herausgesucht, der im starken Kontrast zur Gangesstadt so gar nicht ins Land passen will: Feinster Kaffee, angenehme Temperaturen, nette und unaufdringliche Einwohner ... aus dem tibetischen Hochland. Zum Abschluss der Indienreise blieben Jovanka und ich vier Tage im beschaulichen McLeod Ganj. McLeod Ganj ist der Nachbarort Dharamsalas, dem indischen Exil des Dalai Lama. Umzingelt von tibetischen Flaggen und besonders alternativ gekleideten Reisenden ist der kleine Ort Ausgangspunkt fuer kleine und groessere Bergtouren oder wochenlangen Reisen ins Selbst.
Um der besseren Erholung willen und bereits mit Mt.Meru und Kilimanjaro im Kopf blieben die Reisenden jedoch auf den gemuetlichen 1.800m Seehoehe des Ganj. Nach viel Kaffee, Schach und Wuerfelspiel sind wir nun reisefertig fuer Tanzania. In aller Herrgottsfruehe des Sonntag, 10. August verlassen wir Delhi und erreichen Dar-es-Salaam am Mittag europaeischer Sommerzeit.


3 Kommentare:

Helene hat gesagt…

Hallo Jovanka und Johannes!
Euer Bericht ist wieder recht interessant, die Menschenmenge aber eher beängstigend! Ich hoffe, dass ihr gut in Afrika angekommen seid und wünsche euch viel Spaß im neuen Abschnitt eurer Reise.
Liebe Grüße, bleibt gesund und munter!
Mama, Helene

Berni hat gesagt…

Hallo ihr zwei!

Wir haben gerade euren interessanten Bericht durchgelesen und die Bilder und den Film angeschaut, sehr beeindruckend!!
Gott sei dank, habt ihr euch vor der "badewütigen" Menschenmasse in ein Cafe gerettet.
Auf eurer weiteren Reise durch Afrika raten wir euch: Finger weg von Kamelen, die "stürfeln" :)

Also, schöne Grüße aus dem fernen, kalten (laut Xander, gar net kalt) Walsertal und ganz viel Spass in Tanzania.
Smile, Xander und Berni

rebekka hat gesagt…

Auch wir lesen immer voller Interesse, was ihr so erlebt. Toll! Wir wünschen Euch weiterhin eine gute Zeit auf Eurer Weltreise und sind gespannt auf Eure nächsten Reiseberichte. Passt auf Euch auf. Alles Liebe und Gute, Rebekka & Eddie, Roswitha & Werner

Übrigens hätte man gestern auch hier im Tal meinen können, dass ein Monsun wütet ... Bestimmt habt ihr's in Afrika wärmer :-)